en /de
 
 
 

17.03.2020

BIM in Deutschland – „Wir haben keinen langfristigen Plan“

Ilka May ist BIM-Expertin. Sie sagt: „Wir haben in Deutschland keinen strategischen Plan von der Digitalisierung am Bau“. Aber wir brauchen dringend einen – sonst bringe Building Information Modelling nichts als Kosten anstatt Wert. Sie fordert: Die Politik ist am Zug.

BIM-Expertin Ilka May bei einem Vortrag auf der INTERGEO
 
 

Es herrscht Chaos im Lande BIM. Wer weiß schon genau, was das Gegenüber meint, wenn es von Building Information Modelling redet. Nicht selten hört man von Bauherren oder Planern gleichermaßen den Satz: „Wieviel teurer wird’s mit BIM?“ Das ist Digitalisierung, die ad absurdum geführt wird. Statt anvisierter Vorteile, wie bessere Entscheidungen auf Basis von besseren Daten und Erkenntnissen, scheint Unsicherheit um sich zu greifen: Was genau bringt denn die neue digitale Methode des Planes, Bauens und Betreibens? Hand aufs Herz. Wer hat denn schon positive Erfahrungen im BIM-Projekt gemacht? Wer kann anhand von Zahlen und Daten belegen, wie viel weniger ein Gebäude oder eine Infrastruktur mit BIM gekostet haben und wie sich die Leistungsfähigkeit im Betrieb verhält? Oder ist es sogar ganz anders herum – kosten Bauwerke, kosten Straßen und Schienen mit BIM gar mehr als vorher?

 
 

Die Bauwirtschaft wird alleine gelassen

In all den Unsicherheiten ist man sich über eines einig: Die Baubranche soll sich digitalisieren. Und dabei wird sie gerade von denen allein gelassen, die diese Forderung lautstark postulieren: von der Politik. Eine Branche, die 40 Prozent an der Wertschöpfung der deutschen Wirtschaft innehat, bekommt keine klaren Vorgaben bezüglich Standards und Vergaberichtlinien. Wer soll diese Rahmenbedingungen einer digitalen Bauwirtschaft liefern, wenn nicht die Politik? Bislang ist der Status der Digitalisierung in der Bauwirtschaft der: Jeder wurschtelt so gut er kann: Bauherren mit ihren selbst entwickelten Vergabeprozeduren und die Industrie mit individuellen Lösungen. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass Unternehmen sich als Wettbewerber sehen und keine Lösungen für die Allgemeinheit produzieren.

 
 

Wir müssen Digitalisierung am Bau volkswirtschaftlich betrachten

Woran krankt BIM? Braucht BIM einfach einen Anschub, um in Fahrt zu kommen? Läuft alles irgendwann einmal von selbst, wenn wir die ersten Kinderkrankheiten hinter uns gelassen haben? „Nein“, sagt Dr. Ilka May. Wir betrachten BIM aus der falschen Perspektive“. BIM werde als Methode auf Planen und Bauen reduziert, statt den Betrieb eines Gebäudes mit einzuberechnen. In den Dienstleistungen, die in den Gebäuden und auf der Infrastruktur ausgeübt werden, liege der bei weitem größten Anteil in der Wertschöpfungskette Bau. Kranke, die in einem Krankenhaus behandelt werden, Schüler, die in einer Schule unterrichtet werden, Container, die auf der Schiene transportiert und Lastwagen, die über die Straße gekarrt werden. All das müsse in eine volkswirtschaftliche Betrachtung der Digitalisierung am Bau mit eingerechnet werden. Hier wird das Geld verdient, wenn die Infrastruktur ihre Anforderungen erfüllt – oder verloren, wenn sie es nicht leistet wie erforderlich.

 
 

Einsparungen durch funktionierende Infrastruktur

Ilka May steht mit diesem Ansatz nicht alleine. Sie hat ihn sich noch nicht einmal ausgedacht. In Großbritannien etwa – dem Mutterland der Digitalisierung der Bauwirtschaft – denkt man schon lange in diese Richtung. Es gibt vier Zahlen, die hier betrachtet werden: Investitionskosten für Planung und Bau von Infrastruktur, Kosten für Instandhaltung und Wartung, und Kosten, die durch den Betrieb des Gebäudes oder der Infrastruktur anfallen. Die vierte Zahl ist der Gesamtumsatz eines Unternehmens oder das BIP einer Nation. Heraus kommt, dass der größte Hebel an Einsparungen durch die Digitalisierung bei weitem nicht in der Planungs- und Bauphase zu finden sind und auch nicht in der Wartung und Instandhaltung, sondern in der Bereitstellung der Dienstleistungen. In dieser Phase werde Geld gespart und verdient, in dem Prozesse intelligenter ablaufen. In Großbritannien hat man bei der Entwicklung des strategischen Business Case herausgefunden, dass man 90 Milliarden jährlich für Planung und Bau von Infrastruktur ausgibt und dann wieder 30 Milliarden Pfund Verluste hat, weil die Menschen im Stau stehen. Oder dass Gebäude gebaut werden, die nach Fertigstellung viermal so viel Energie verbrauchen, wie zuvor prognostiziert. Da stimmt doch was nicht.

 
 

Schlechte Leistungen statt Innovationen

BIM auf die Phasen Planung und Bau zu reduzieren, und die Bauindustrie in ihren Kosten mittels BIM noch weiter drücken zu wollen, sei der falsche Weg, um Effizienz zu gewährleisten. Das schaffe nur die falschen Anreize. Die Lieferkette werde zu schlechten Leistungen angeregt statt zu Innovationen. In anderen Ländern, die auch dem europäischen Vergaberecht unterliegen, werden beispielsweise das günstigste und das teuerste Angebot per se vom Angebotsprozess ausgeschlossen. Damit sei Preisdumping zulasten der Qualität des Bauens schon einmal ausgeschlossen, so Ilka May.

 
 
Building Information Modelling (BIM) in der Baubranche

Was uns zurückhält, um vorwärts zu kommen? Da stimmt was nicht

Aber was muss sich noch ändern? „Wir brauchen Daten“, sagt Ilka May. „Wir dürfen den Lebenszyklus Bau nicht mehr als linearen Prozess denken, sondern Feedbackloops einbauen. Andere Industrien, wie die Softwareindustrie oder die Systemtechnik arbeiten in einem so genannten V-Prozess. In jeder Phase von Beschaffung bis zur Realisierung seien Feedbackloops eingebaut mit Simulationen und Tests auf Basis der digitalen Daten. Damit sei sichergestellt, „dass wir wissen, was wir bestellen und bekommen, was wir wirklich brauchen“, so Ilka May. Je früher Daten analysiert und Schlussfolgerungen daraus gezogen werden, desto früher werden Fehler erkannt und behoben – auf der Baustelle sei das zu spät, so Ilka May. Darüber hinaus seien Daten vonnöten, wie Infrastruktur „konsumiert werde“. Wie viele Rolltreppen stehen jeden Tag still? Was hält den Busfahrer davon ab, pünktlich ans Ziel zu kommen? Wie viele Wege innerhalb von Bauwerken sind unnötig? Wir brauchen mehr und mehr Informationen über eine wirklich wichtige Frage: Was hält uns zurück, um vorwärts zu kommen!

Der Stufenplan Digitales Planen und Bauen aus dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur aus dem Jahr 2015 hat BIM auf die Phasen Planen und Bauen reduziert und damit deutlich zu kurz gegriffen. Es war OK als erste Stufe, aber in fünf Jahren wurden keine weiteren Stufen vorgelegt. Dabei sind wir noch lange nicht fertig! Die Reformkommission Großprojekte hingegen habe bereits gute Resultate geliefert, indem sie ganzheitlich vorgehe, so Ilka May. „BIM als Technologie zu hypen, die Heil über unsere Bauwirtschaft bringt, wird uns nichts nützen. Wir brauchen andere Vergabemechanismen, andere Verträge, wir brauchen Atemluft für Innovationen in der Lieferkette. Denn die werden unter heutigen Bedingungen, so wie die Lieferkette derzeit ausgequetscht wird, nicht entstehen.“

 
 
 

Über Dr. Ilka May

Dr. Ilka May hat mehr als 18 Jahre Berufserfahrung im Umgang mit raumbezogenen Daten und Technologien, darunter an Großprojekten wie dem Olympischen Park in London und an dem neuen Eisenbahntunnel unter London, Crossrail, dem derzeit größten Infrastrukturprojekt Europas. Von 2007 bis 2017 arbeitete Ilka May für das weltweit tätigte Ingenieurbüro Arup, davon die ersten sechs Jahre in London. In dieser Zeit hat sie unter anderem die globalen Strategien Arups zum Einsatz von GIS und BIM entwickelt und deren Implementierung geleitet. 2015 war Ilka May an der Entwicklung des Stufenplans Digitales Planen und Bauen in Deutschland beteiligt. Für die Organisation planen – bauen 4.0, die sie 2015 interimsweise leitete, berät Ilka May die EU BIM Task Group, einen Zusammenschluss der größten öffentlichen Auftraggeber-Organisationen in Europa, zur Einführung von BIM in Europa. 2016 und 2017 leitete sie das BIM Implementierungsprogramm der DB Engineering & Consulting GmbH.

 
 

 
 
               

HINTE Messe- und Ausstellungs-GmbH / Bannwaldallee 60 / D-76185 Karlsruhe / Telefon: +49 721 93133-0 / Fax: +49 721 93133-110

Diese Website nutzt externe Dienste, die zusätzliche Funktionalitäten bieten. Diese Dienste speichern Cookies auf Ihrem Gerät. Datenschutzinformationen